Weit und breit

Warum reise ich? Wie ich meinen Reisehorizont mit fast 50 erweiterte!

Warum reise ich?

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben“ (Alexander von Humboldt). Mein erster Blogpost hier auf Weit und Breit hat gleich etwas mit Reisen, bzw. Unterwegssein zu tun. Oder mit der Art und Weise, wie wir reisen. Wie wir gelernt haben, zu reisen. Wie unsere Eltern oder unsere Familie uns darin geprägt haben.

Wir sind sesshaft

Ich komme aus einer Familie, in der es nicht üblich war, einfach so zu verreisen. Schon mal von Bremen aus übers Wochenende oder als Tagesausflug ins Weserbergland, um Verwandte zu besuchen. Da hatte man zumindest einen Grund! Aber nicht so aus heiterem Himmel, um etwas anderes oder Neues zu sehen oder zu erleben. Die freie Zeit oder die Ferien verbrachten wir in der Regel zu Hause. Im riesigen Garten, im Freibad, mit Schulfreunden. Aber immer vor Ort.

Erste Aufbrüche 

Im Alter von 17 Jahren brach ich mit meinem Bruder und dessen Freund zu einer Interrail-Tour nach Südeuropa auf. Das war eine sehr aufregende Sache für uns und natürlich auch für unsere Eltern, zumal wir trotz einiger Ermahnungen und guter Tipps dann doch lädiert („Sonnenstich“ ich) und beraubt („Geldbrustbeutel“ mein Bruder und Freund) wieder zurückkamen. Wir hatten abbrechen müssen in Südfrankreich bzw. Nordspanien.

Ich habe diese Reise trotzdem in sehr sehr guter Erinnerung. Weil…ja, weil sie so ursprünglich war. So ursprünglich, einfach, mühsam und auch kräftezehrend, wie ich dann später ganz lange nicht mehr gereist bin.

Und das zum einen wegen des schweren Rucksacks auf dem Rücken, der mit Zelt, Schlafsack, Isomatte, Campinggeschirr, Kleidung, Kulturtasche und so weiter gefüllt war. Und zum anderen wegen der Geschwindigkeit und Eile, mit der wir diese schwere Last immer wieder bewegten, wenn wir schnell aufbrechen mussten.

In den Zügen hatten wir keinen Anspruch auf einen Sitzplatz. Oft kamen wir viel zu spät auf den Bahnsteig und hasteten mit letzter Kraft in unseren Zug. Einmal mussten wir uns sogar so beeilen, dass wir in zwei unterschiedliche Wagons nebeneinander einstiegen. Die waren wie üblich durch eine Verbindungstür mit Sichtfenster voneinander getrennt. Die Tür war und blieb während der gesamten Fahrt verschlossen.

Bilder, die ich von einer auf die andere Sekunde abrufen kann: Hopp, hopp, nichts wie rein in den Zug am Pariser Gare de Lyon, damit wir abends noch rechtzeitig in Zürich bei der Tante ankommen. Während der Zugfahrt verständigten wir uns mit Gebärdenzeichen durch die gläserne Verbindungstür.

Aber – trotz alledem: eine wirklich tolle erste Fernreiseerfahrung!

Interrail -wir lassen es auf uns zukommen 

Auch wenn wir unser Ziel grob vor Augen hatten, wir starteten jeden Morgen mit der Ungewissheit, wie der Tag wohl enden würde. Das war anstrengend, aber in der Rückschau einfach nur großartig!  Wir können unseren Eltern dafür nur dankbar sein, die das trotz sicherlich großer Sorge erlaubten. Schließlich waren wir noch gar nicht volljährig. Und es gab keine Smartphones, bzw. wir hatten nicht mal ein einfaches Handy, sodass wir nicht so mobil und flexibel von unterwegs kommunizieren konnten wie heute. Es war 1984!

Jetzt aber keine Experimente mehr! 

Meine späteren Reisen waren nicht mehr so ursprünglich und einfach. Ich war oft allein unterwegs und schätzte es sehr, im Vorfeld zu wissen, wo ich unterkommen würde. Wenn ich ein weiteres Mal an den Ort kam, suchte ich meistens die gewohnten Ziele wieder auf. Dasselbe Hotel, dasselbe Restaurant, diesselben Stadt- und Sightseeingtouren.

Und dann nochmal später in meiner Reisebiografie hatte ich grundsätzlich keine Lust mehr auf Experimente. Was ich aber immer wollte: mich spontan an einen ganz weit entfernten Ort auf der Welt beamen, aber bitteschön komfortabel und ohne größere Strapazen.

„Manchmal müssen wir in offene Einsamkeiten entfliehen, in Ziellosigkeit, in die moralischen Ferien, irgendein reines Risiko eingehen, um die Schneide des Lebens zu schärfen, um Strapazen zu kosten und uns dazu zwingen zu lassen, für einen Augenblick an etwas zu arbeiten, ganz gleich woran.“

(George Santayana)

Das einfache, ursprüngliche und erfahrungsreiche Unterwegssein wie 1984 war auf Reisen nach Japan und auf die Krim am Schwarzen Meer endgültig passé. Auch meine Aufenthalte in Japan später verbrachte ich immer mit den Freunden, bei denen ich wohnte. Nur einmal – am Ende meines letzten Aufenthaltes 1996 / 97 – reiste ich allein und auf eigene Faust durch ganz Japan. Und wenn ich daran zurückdenke, waren es wieder ähnlich großartige Erfahrungen wie zur Interrail-Zeit 1984: ein grobes Ziel vor Augen, der Weg dahin aber von Unwägbarkeiten, Stolpersteinen und Unsicherheiten flankiert. Sich immer wieder auf neue Situationen einstellen müssen und ganz lebensbejahend nervengekitzelt werden.

Mallorca, Fuerteventura und Madeira in den Anfang 2000er Jahren boten trotz des festen Reiserahmens mit „Massenunterkunft“ und Mietwagen natürlich noch ausreichend Gelegenheit, selbst aktiv zu werden. Allerdings gab es auch keine unerwarteten Überraschungen mehr. Ich wußte, was ich erwartete und fand das auch weitestgehend bestätigt. Und das lag keineswegs an den Reisezielen, sondern daran, dass ich die „Kontinuität der Vorhersehbarkeit“, die mein Arbeitsleben bestimmte, auch auf die Art und Weise, wie ich reiste, zu übertragen versuchte.

Richtungswechsel Ü 40

Sollte man mit um die 40 seinen Weg gefunden haben und damit verbunden auch das Lieblingsreiseziel und den Lieblingsreiseweg? Weil man im Idealfall bis dahin alles ausprobiert hat? Das war bei mir anders. Mit 45 entschlossen meine Frau und ich uns, gemeinsam mit einem Freund durch Vietnam zu reisen. Wieder eine sehr aufregende Sache! Und vor allen Dingen vollkommen anders geplant als bisher. So viel wie möglich wollten wir flexibel vor Ort entscheiden. Ob das funktionieren würde? Konnte man so ohne festen Plan reisen? Ich hatte ehrlich gesagt Angst, meine gewohnten eingetretenen Pfade zu verlassen.

Wir ließen uns auf dieses Abenteuer ein und machten so völlig neuartige Erfahrungen. Wie es ist, sich im Menschenchaos der Straßen Saigons willenlos aber glücklich mitreißen zu lassen, stundenlang über Straßen zu fahren, die kleinen Kraterlandschaften glichen oder mitten unter Einheimischen in dunklen Langhäusern zu übernachten und für uns undefinierbare Lebensmittel auf Märkten zu essen.

Von da an hatte es uns gepackt! Es folgte eine Reise durch Myanmar 2015 und demnächst brechen wir erneut, diesmal zu einer Reise nach Kambodscha und Thailand auf.

Warum reise ich?

Wenn auch das Reiseziel mehr oder weniger zweitrangig ist – es ist eine besondere Erfahrung, die Menschen in Vietnam oder Myanmar kennenzulernen. Zu sehen, wie sehr ihr Leben in all dem, was sie tun, auf das Hier und Jetzt gerichtet ist.

Wenn meine Vorstellung vom Reisen bis Vietnam darin bestand, dass ich den Urlaub im Großen und Ganzen vorhersehen wollte und auch konnte, so änderte sich das mit Vietnam schlagartig.

Es ist, wie sich erst einmal zu verlieren, in all dem, was einen ausmacht. Ich lasse alle meine  Überzeugungen und Gewissheiten zu Hause und breche auf, um etwas wirklich Neues zu erleben. Ich bin auf der Suche nach Entbehrungen, sehe mich in vielen Situationen auch mit meinen tiefsten Ängsten konfrontiert und finde mich wieder, in dem, was mich wirklich ausmacht. Auch, wenn es mein Europäersein ist!

Aber die Beweggründe sind sehr verschieden und können sich auch wie bei mir verändern. Wie ist das bei Euch? Welches sind Eure Beweggründe zu reisen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*